|  | 19.01.2004
Algeciras - die vergessene Metropole?
Die Stadt am Eingang der Straße von Gibraltar bietet mehr als man denkt.
„NACH ALGECIRAS, ZUM FEIERN? Ne danke. Ist doch ne dreckige Hafenstadt ohne Stil.“ So reagierten unsere Partygenossen auf die Idee, abends mal einen Abstecher nach Algeciras zu unternehmen und nicht wie sonst in Tarifa abzuhängen. Nicht, das jenes bezaubernde Städtchen nichts zu bieten hat, aber wer bereits etwas länger in den Gassen Tarifas unterwegs war, kennt beinahe jede Lokalität und freut sich auf etwas Neues. Abwechslung tut Not!
Jedoch auf die Idee, die knapp 20 Kilometer bis nach Algeciras zu machen, kommen nur wenige. Zu sehr hat sich das negative Bild, das sich vor allem Touristen von der Hafenstadt gemacht haben, eingeprägt. Hochhauslandschaften sowie Viertel mit Slumcharakter, die sich in alle Himmelrichtungen erstrecken sowie der großangelegte Hafen, Containerfriedhöfe, Industrieanlagen und Supertanker, die vor der Küste Algeciras vor Anker liegen, prägen das Bild der 100.000 Einwohner Metropole. Obwohl, hier wurde der wohl bekannteste Flamencogitarrist Paco de Lucia geboren, sein Denkmal könnt ihr in der Nähe des Hafens bewundern. Algeciras gehört zu den wichtigsten Fährverbindungen mit Marokko und muss jährlich zwischen Juni und August eine halbe Million im Ausland arbeitende Marokkaner verkraften, die sich meist mit heillos überladenen Vehikeln in die Heimat aufmachen und hier auf die Überfahrt warten. Von den Einheimischen werden die Nordafrikaner eher misstrauisch beobachtet.
Zurück zum abendlichen Angebot: in Algeciras konzentriert sich ein Großteil des Nachtlebens auf die Calle Ruiz Zorilla, wo sich die Bars nebeneinander aufreihen und die angesagten Diskotheken der Stadt liegen.

Die angesagten DJ´s der Region legen hier alle Bandbreiten von R&B, Ambient, Rock, Drum´n Bass bis hin zu Tekknobeats auf. Vor zwei Uhr nachts geht’s jedoch eher ruhig zu; die Leute gehen später aus, sind aber auch etwas länger unterwegs, so gegen acht Uhr morgens trifft man noch den einen oder anderen Partyjünger. Den angebrochenen Tag könnte für einen Ausflug nach Gibraltar genutzt werden; schließlich thront der bewohnte Felsen wie ein Wächter vor der Metropole.
Die Geschichte Gibraltars ist mit der von Algeciras eng verbunden. Als der spanische Diktator Franco mit seiner Militärjunta das Land beherrschte, ließ er die Grenze in La Linea zu Gibraltar schließen und beschloss, die in den britischen Navy Docks arbeitenden Spanier kurzerhand in Algeciras aufzufangen. So wollte er die Abhängigkeit zur britischen Kronkolonie brechen.
Beschaulich geht es in der Altstadt zu, deren Attraktivität sich in den letzten 50 Jahren kaum verändert hat; hier findet ihr viele attraktive Ecken und Plätze, allen voran der Plaza Alta mit seinen schier unendlichen gastronomischen Angeboten. Auch die Hafengegend mit seinem exotisch geschäftigen Treiben bietet einige kulinarische Leckerbissen. Oder ihr besucht den nur einen Katzensprung entfernten Plaza Palma, wo ihr euch auf dem täglichen Markt mit Leckereien eindecken könnt.
Ok, auf den ersten Blick wirkt Algeciras nicht gerade einladend, doch wer einmal an der Fassade kratzt, wird auch die schönen Seiten dieser Metropole kennen und lieben lernen. Schließlich kann der erste Eindruck oft täuschen. Unsere Kumpel jedenfalls konnten wir zu einem nächtlichen Streifzug überzeugen; und sie haben es nicht bereut. Den Kater am nächsten Tag natürlich nicht eingeschlossen. Und es wird nicht der letzte Abend gewesen, an dem wir einen Abstecher rund um die Calle Ruiz Zorilla unternehmen.
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