|  | 08.03.2005
Sanfter Tourismus in Tarifa
Frans de Man verdiente seinen Lebensunterhalt bisher als Tourismusberater in den touristischen Paradiesen dieser Welt. Aber warum ist er nach Tarifa gekommen, um Windsurfmaterial und Kleidung zu verkaufen? Warum hat er ein Leben unter Palmen gegen ein Leben mit Poniente und im Laden stehen eingetauscht?
Im April hat der Besitzer vom "Big Fish" Shop gewechselt: Michael Dauner, wohlbekannt in der Windsurfszene Tarifas, hat den Laden aufgegeben und seinen Platz dem holländischen Newcomer Frans de Man überlassen. Bis dahin hat Frans seinen Lebensunterhalt als Tourismusberater in den touristischen Paradiesen dieser Welt verdient und ein ruhiges Leben hinter Konferenztischen verbracht. Aber er ist nicht nur nach Tarifa gekommen, um Windsurfmaterial und Kleidung zu verkaufen. Warum hat er ein Leben unter Palmen gegen ein Leben mit Poniente und T-Shirts verkaufen eingetauscht?
Sanfter Tourismus
Vorher war Frans in der Entwicklungsarbeit tätig, schon als Student war er aktiv in Aktionsgruppen, danach als Politiker in der Grünen Partei in den Niederlanden und der EU und später dann für Entwicklungsorganisation. Bei seinen Besuch in Entwicklungsländern verbrachte er seine freien Tagen wie ein Tourist und suchte nach den besten Stränden zum Surfen.
Dabei stellte er fest, dass in diesen Tourismusbereichen seine professionellen Fähigkeiten gebraucht werden: den ortsansässigen Leuten zu helfen, einen finanziellen Nutzen an dem Profit des Tourismus zu verschaffen. Seine Organisation "Retour" (Responsible Tourism) ist darauf spezialisiert, Beratung in touristischen Entwicklungsprozessen zu geben und arbeitet an Projekten der Europäischen Union (EU) und der Vereinten Nationen (UN).
In den vergangenen Jahren ist Tourismus zum zweitwichtigsten Wirtschaftsfaktor der Welt geworden und viele Menschen in den Entwicklungsländern werden mit den damit verbundenen Konsequenzen konfrontiert. Obwohl Tourismus immer Entwickungspotential bedeutet, können damit immer Probleme verbunden sein.
Mit Retour hat Frans Menschen in touristischen Zielen geholfen, einen angemessenen Anteil an den finanziellen Gewinnen zu erhalten und deren Rechte zu schützen. Er arbeitete zusammen mit den Maasai in Tansania, den Waza in Nordkamerun, den Saharoui in Südalgier, lokalen Frauen- und Jugendgruppen in Asien, Lateinamerika und Afrika, mit Kleinunternehmern in Costa Rica und Ecuador sowie den Opfern des Tourismus, wie z.B. die prostituierten Kinder in Thailand, Brasilien und Gambia.
Während er ein internationaler Experte in Tourismusfragen wurde, verbrachte er viel Zeit mit Konferenzen, besprach sich mit Ministern und Managern und gab ihnen Ratschläge. Aber er konnte die Anzugträger und das Bla Bla nicht mehr ertragen. Viel lieber wollte er eng mit den Leuten zusammen arbeiten, für die er sich am meisten interessierte: die Menschen des touristischen Ortes.
Tarifa
Schon seit langem verbrachte Frans seinen eigenen Urlaub in Tarifa, mindestens zweimal im Jahr war er hier. Seiner Meinung nach bietet Tarifa den besten Kompromiss an, wie Tourismus sein sollte: warm und sonnig das ganze Jahr über, wunderschöne Strände und das Meer, sympatische Menschen, schöne Landschaften und Natur, eine gute Partyszene, viel Kultur, gutes Essen und die gewisse afrikanische Atmosphäre - allerdings ohne die Unsicherheit und die Armut - und ein 'latin feeling' - allerdings ohne die Korruption und das Verbrechen, die es in Lateinamerika gibt. Um sich zu entscheiden, welchen Weg seine professionelle Karriere nehmen sollte, entschloß sich Frans, ein Jahr in Tarifa zu verbringen, surfen zu gehen und zurück zu den Grundlagen des Lebens zu kommen.
So konnte er einen genaueren Blick hinter die Kulissen werfen und war überrascht, festzustellen, dass sich die touristische Entwicklung Tarifas in vielerlei Hinsicht mit jener in Lateinamerika und Afrika ähnelt: Versprechungen auf der einen Seite, Befürchtungen auf der anderen Seite; wachsender Wohlstand für einige Leute, die Bedrohung der Interessen von Anderen; andere Alternativen zu bereits vorhandenen Branchen wie Fischerei und Landwirtschaft, aber gleichzeitig die Bedrohung der Grundlagen der traditionellen Wirtschaft; das Anlocken von wohlhabenden Ausländern mit Geld; steigendes Einkommen, aber auch ein Anstieg der Waren- und Immobilienpreise; das Ausüben von mehr Druck auf das Land und die Natur; mehr Bauwettbewerb; eine Veränderung des Stadtbildes mit schön restaurierten Häusern, aber dies in einem Unfang, dass es die anschauliche Behaglichkeit von Tarifa zerstören könnte; wachsende Beschäftigungsmöglichkeiten für die lokale Jugend, aber ebenso steigender Drogenmissbrauch und -handel. Alle diese Probleme sind üblich in Gegenden, wo sich Tourismus entwickelt.
Aus diesem Grund lebt Frans hier und sieht sich vor eine Herausforderung gestellt. Er möchte seinen Blick auf eine verantwortliche und sanfte Entwicklung des Tourismus in Tarifa richten. Zuerst wollte er auch das Büro von "Retour" als ein Zentrum für sanften Tourismus nach Tarifa (oder Facinas) verlegen, aber in Anbetracht der exorbitanten Immobilienpreise musste er diese Idee verwerfen. Nach vielen Nächten am Strand, in denen er am Lagerfeuer und bei Bier seine Ideen mit Freunden durchsprach, kam er zu dem Schluss, dass es wohl der beste Weg sei, einen sanften Tourismus in Tarifa zu unterstützen, indem er sein Geld investieren würde / auf den Tisch legen würde.
Frans entschied sich, in ein kleines Unternehmen zu investieren, um mit dem dort verdienten Geld (und dem gewonnenen Vertrauen) Entwicklungsprojekte für einen sanften Tourismus ins Leben zu rufen. Das Geschäft solle ein Beispiel sein und anderen Unternehmern zeigen, wie man ein verantwortlicher Unternehmer ist und ein angenehmes Leben auf ehrliche Weise verdient und den ortsansässigen Leuten und der Natur mit Respekt begegnet.
Als Frans hörte, daß Big Fish Tarifa zum Verkauf stand, reagierte er sofort. Er selbst hatte schon seine Kleidung und sein Windsurfmaterial dort gekauft und wusste, dass das Geschäft die richtige Formel hatte: T-Shirts aus 100 % Baumwolle mit hoher Qualität, von Hand bedruckt mit ökologischen Farben, vor Ort angebotene Artikel für ein breites Publikum, für Ortsansässige und Touristen. Und seit er Inhaber von Big Fish ist, versteht er noch mehr, wie sich Tarifa entwickelt und welche Rolle die verschiedenen Interessengruppen aus dem Ort und von außerhalb spielen.
Tarifa: Zentrum für einen Sanften Tourismus Weiterhin arbeitet er für seine Organisation "Retour", besucht Konferenzen und hält Vorträge über den Sanften Tourismus. Überrascht stellte er fest, dass vielen internationalen Tourismusexperten Tarifa als ein im Aufschwung begriffener Ort bekannt ist. Als ein Ort, den es im Auge zu behalten gilt, um zu beobachten, wie sich dort der Sanfte Tourismus entwickelt. Als er auf einer internationalen Konferenz der Weltbank eine Rede gehalten hatte, wurde er gebeten, Big Fish Tarifa als einen Ausgangspunkt, ein internationales Zentrum für Sanften Tourismus zu benutzen.
Es soll ein Konferenzzentrum für Kleinunternehmer aus der ganzen Welt sein, in welchem sie ihre Erfahrungen mit verantwortlichem Unternehmergeist austauschen können, so wie es Big Fish vormacht. Für die Menschen aus Tarifa soll er ein Treffpunkt und ein Ort sein, an dem man voneinander lernen und sich nach gemeinsamen Interessen zusammenschließen kann, um Einfluß auf die touristischen Entwicklungen nehmen und sich über die Erfahrungen von anderen touristischen Orten austauschen zu können. Die Stadt Tarifa könnte ein Beispiel für andere, sich entwickelnde Tourismusorte werden, wie ein Ort, von dem man lernen könnte, wie Sanfter Tourismus in der Praxis funktionieren kann.
Frans hat die Herausforderung angenommen und arbeitet an den Plänen für solch ein Zentrum. Er hat einige Kapitalgeber gefunden und sucht nach Partnern. Eines der wichtigsten Dinge ist jetzt, eine Location zu finden. Auf die Frage, ob er denkt, dass Tarifa eines der Städte werden könnte, in welcher ein Sanfter Tourismus bespielhaft funktionieren könnte, antwortet Frans, dass Tarifa bessere Voraussetzungen hat als andere Städte, die er kennt. "Viel hängt von den Entscheidungen ab, die in nächster Zukunft getroffen werden. Es kann gut laufen oder schlecht laufen." Und er zitiert einen indischen Philosophen: "Tourismus ist wie das Feuer, er kann dir dein Essen kochen, aber genauso kann er dein Haus niederbrennen."
Info: www.retour.net |  | | |